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Rheinpfalz 29.03.03: Im Porträt
Fotografische Zeitreise in die Kindheit
Marlis Jonas zeigt in ihren Aufnahmen die Architektur der fünfziger Jahre in Ludwigshafen
Von unserem Mitarbeiter Ingmar Sassmann
Erst auf den zweiten oder dritten Blick entdeckt man sie, die “architektonischen Juwelen Ludwigshafens aus den 50er Jahren", wie
Marlis Jonas sie nennt. Ganze Straßenzüge stammen aus den frühen Tagen der Wirtschaftswunderzeit, doch als baulich-ästhetische Meisterleistung gelten sie eigentlich nicht. Mit ihren Fotografien beweist
sie, dass es auch in der Chemiestadt am Rhein mehr zu entdecken gibt als graue, nichts sagende Häuserfassaden.
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Marlis Jonas hat die Schönheit der Überbleibsel aus den 50ern festgehalten: geschwungene oder runde Gebäude mit bunten Wandmosaiken, grüne
Hochstraßensegmente, die niemals fertig gebaut wurden, oder ein Friseursalon mit rotem Drehstuhl vor blassrosa Waschbecken.
“Mit welcher Mühe und Fantasie das gestaltet ist", schwärmt die Fotografin, die sich in ihre Kindheit zurückversetzt fühlt. “In der Zeit
bin ich groß geworden, ähnliche Motive kenne ich noch aus meiner Jugend", erinnert sich Marlis Jonas, die 1948 in Dortmund geboren wurde. “Ich finde die damalige Architektur faszinierend. Sie hat eine
klare Gliederung und weiche Schwünge."
Obwohl die Motive überall in der Stadt zu finden sind, sind die Fotos von Marlis Jonas, die ab kommender Woche in der Stadtbibliothek zu sehen sind, alles
andere als gewöhnlich. “Es kommt auf den besonderen Blickwinkel an. Die Bilder müssen eine Spannung haben." 27 Jahre lang hat sie in der Pfalz als Kunsterzieherin gearbeitet, in ihren Fotos zeigt sie, wie
man mit unterschiedlichen Perspektiven und dem Wechsel zwischen Weitwinkel- und Detailaufnahme Spannung erzeugt.
“Ich bin ein visueller Mensch", sagt sie. Als Kind habe sie nur Bücher ausgeliehen, die viele Bilder besaßen. Mit 16 hat sie ihr erstes Foto
gemacht und von ihrem ersten Lehrergehalt kaufte sie sich eine Spiegelreflexkamera. “Da hatte man noch richtig Metall in der Hand." Gelegentlich greife sie auch heute noch auf ihre alte Kamera zurück.
Marlis Jonas legt Wert darauf, dass alle ihre Motive authentisch sind. Die Fassaden, Inneneinrichtungen oder Gegenstände erinnern daher oft an
Museumsstücke, die irgendwo in der Stadt ausgestellt scheinen. Aber auch ihre Aufnahmen müssen authentisch sein. Obwohl sie ausschließlich mit Digitalfotografie arbeitet, werden die Bilder nicht am Computer
nachbearbeitet: “Wenn sie mir nicht gefallen, mache ich neue Aufnahmen." Die Technik sei ihr nicht so wichtig, es komme auf den richtigen Blick an.
Ihren Fotoapparat hat sie immer dabei, wenn sie unterwegs ist. Auf bestimmte Motive ist sie nicht festgelegt. Sie fotografiert Menschen oder Landschaften
genauso wie Stadtansichten. Beim Einkaufen auf dem Markt, im Urlaub oder einfach beim Spazierengehen, immer überlege sie, welche Perspektive wohl interessant wäre. “Oft lohnt sich auch ein Blick in die
Hinterhöfe", berichtet Marlis Jonas. Zum Beispiel beim Corso-Filmtheater in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Hier entdeckte sie mehr zufällig eine liebevoll gestaltete Fassade aus den 50ern. Da musste sie ganz
einfach auf den Auslöser drücken.
Auch woanders hat sie Relikte aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts entdeckt: “Das Hallenbad Nord ist eine wahre Fundgrube." Es geht Jonas aber
nicht nur um Architektur. Mit ihrer Kamera hat sie Stimmungen aus längst vergangenen Tagen eingefangen. “Die Leute wollten nach dem Krieg was heimeliges haben, es sollte gemütlich und persönlich sein",
ein Stil, der auch bei Marlis Jonas Erinnerungen weckt.
Info: Die Ausstellung “Eine Stadt baut auf. Architektur der 50er Jahre in Ludwigshafen" in der Stadtbibliothek wird am Montag, 31. März, 19 Uhr,
eröffnet.
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Rheinpfalz 02.04.03: Ehrliches Porträt der Stadt
Fotografien von Marlis Jonas in der Ludwigshafener Stadtbibliothek
Von unserem Mitarbeiter: Volker Kuhnert LUDWIGSHAFEN. KULTUR
"Ludwigshafener Superlative 1957: Das Friedrich-Engelhorn-Haus, stolzes Wahrzeichen der Chemiestadt", lautet der vor Selbstbewusstsein
strotzende Text auf einer der zahlreichen Fotosäulen, die in der Stadtbibliothek den Geist der fünfziger Jahre beschwören. Der das Foto begleitende Text ist zitiert aus "Ludwigshafen - der
Pulsschlag einer Stadt", den kleinen Bilder-Jahrbüchern von 1956 bis 1960.
Der Sprachstil führt den Betrachter der Fotoserie zurück in die Vergangenheit. Die Fotografien von Marlis Jonas führen ebenfalls in die
Vergangenheit, auch wenn sie in der Gegenwart aufgenommen wurden. Wer wie diese Fotografin mit offenen Augen durch Ludwigshafen geht, entdeckt immer wieder Bereiche, in denen das Heute noch Gestern ist.
"Eine Stadt baut auf. Architektur der fünfziger Jahre in Ludwigshafen", lautet der Titel der Ausstellung, die in 77 Fotografien die Zeit des Wirtschaftswunders wieder lebendig werden lässt.
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Mal sind es Details, die sich der Vergänglichkeit zum Trotz in ihrer Existenz behaupten konnten. Etwa die mit dem einst hochgeschätzten PVC überzogenen
Sessel eines Frisörsalons in der Heinigstraße, an die Jonas ganz nah mit ihrer Kamera herangeht. Das Objekt verschwindet zugunsten der Mikrostruktur, und das Auge beginnt zu fühlen.
Dann wieder sind es Gebäude, die in ihren runden Formen und dem typischen flachen Pilzdach eine fließende Harmonie jenseits definierender Ecken und Kanten
konservieren konnten. Sei es das zentral gelegene Cafe Laul am Ludwigsplatz, eine zierliche Trinkhalle in der Mundenheimerstraße oder die Tankstelle an der Unfallklinik in Oggersheim.
Nicht nur die Architektur, auch das spezielle Konsumverhalten derer, die in den Fünfzigern "wieder wer sind", spiegelt sich noch heute im
Straßenbild der Stadt. Wer seinen Blick beim Gang durch die Maxstraße nach oben richtet, kann sich von der überdimensionalen Nachbildung eines Pelikan-Füllers immer noch zum spontanen Kauf eines neuen Schreibgerätes
animieren lassen. "Zurückerhaltenes Geld bitte sofort nachzählen. Spätere Reklamationen werden nicht anerkannt", ermahnt ein in Schreibschrift gestaltetes Schild in einem Fischgeschäft in der
Hartmannstraße den Kunden höflich, jedoch bestimmt zum korrekten Verhalten an der Kasse.
"Kleine Juwelen" nannte Barbara Auer vom Ludwigshafener Kunstverein die Objekte, die Marlis Jonas im ganzen Stadtgebiet entdeckte. Gezielte
Aufmerksamkeit ist dabei erforderlich, denn man sieht diese Juwelen eben nur noch vereinzelt. Vielleicht ist der Fotografin all dies gerade deshalb aufgefallen, weil sie nicht in dieser Stadt aufgewachsen ist. In
Dortmund geboren, kam die 55-jährige Kunsterzieherin Anfang der siebziger Jahre nach Mannheim, um am Ende dieser Dekade nach Ludwigshafen umzuziehen. Von hier zog sie weiter nach Grünstadt, musste aber erkennen:
"In Grünstadt war's mir einfach zu grün." So kehrte sie im April 2000 wieder zurück nach Ludwigshafen. "Ich liebe diese Stadt", bekennt sie, ohne jedoch mit ihrer fotografischen Arbeit, die
sie seit 1998 nachhaltig betreibt, in Gefühlsduseleien zu verfallen. Sie zeigt diese Stadt mit fairer Objektivität, schafft ein ehrliches Porträt, das neben "Juwelen" auch weniger edle Facetten zur Geltung
bringt.
Info: Bis zum 3. Mai in der Stadtbibliothek in Ludwigshafen Geöffnet Dienstag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr.
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Mannheimer Morgen 03.04.03: Ungewöhnliche Blickwinkel
Fotoausstellung von Marlis Jonas in der Stadtbibliothek ok
Die Chemiestadt einmal mit anderen Augen sehen können Besucher einer Fotoausstellung in der Stadtbibliothek. "EineStadt baut auf" hat die
Künstlerin MarlisJonas ihre Schau genannt, bei der sie in 77 Fotografien die 50er-Jahre-Architektur in Ludwigshafen vorstellt.
Einige Motive wie das Corso-Filmtheater, das Cultivel-Haus mit dem markanten Schriftzug, die " Tortenschachtel" am Berliner Platz oder die
denkmalgeschützte Tankstelle an der Mannheimer Straße dürften bereits einem größeren Kreis aufgefallen sein. Bei anderen Bauten wie Wohnhäusern in Bismarck- oder Wredestraße ist dies wohl weniger der Fall. Der
Baustil zeichnet sich durch geschwungene, organische Formen, eine klare Gliederung der Fassade und einen Sinn fürs Detail mit dezenten Stilelementen aus.
Doch nicht nur Gebäude, sondern auch Schilder, Seifenhalter oder Türen sind auf.Fotopapier gebannte Zeitzeugen. Gezeigt werden auch heute euphorisch
wirkende Kommentare aus alten Bilderheften, die etwa das mittlerweile geschlossene Hallenbad Nord als "herrliches Schmuckkästchen und würdiges Jubiläumsgeschenk fürdie Bevölkerung" rühmen.
"Ich wollte den Leuten näher bringen, wie stark die 50er Jahre in Ludwigshafen präsent sind. Die Architektur drückt den Aufbruch in eine neue Zeit
aus", erklärte die gebürtige Dortmunderin. Jonas hatte Werkerziehung und Bildende Kunst studiert und lange Zeit am Schulzentrum Mundenheim unterrichtet. Seit kurzem betreibt die überzeugte Stadtbewohnerin eine
Galerie im Rathaus-Center.
Dietrich Skibelski, Fachbereichsleiter Kultur, lobte die Ausstellung als Ausdruck tiefer Zuneigung Jonas' zu Ludwigshafen. "Jedem Ludwigshafener
geht bei diesen Bildern das Herz auf", fand Barbara Auer, Geschäftsführerin des Kunstvereins.
"Eine Stadt baut auf" ist bis 3. Mai in der Stadtbibliothek zu sehen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 13 Uhr.
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